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„Nein, meine Söhne geb´ ich nicht!“ – Wer verteidigt dann unser Land, unsere Demokratie und unsere Werte?

  • Autorenbild: Oliver Jauernig
    Oliver Jauernig
  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

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Mehrfach habe ich mich in meinem Blog bereits mit dem Thema Wehrpflicht auseinandergesetzt. Dabei habe ich immer betont, dass ich die Aussetzung der Wehrpflicht durch Verteidigungsminister zu Guttenberg (CSU) als Fehler angesehen habe. Im Februar 2018 habe ich unter der Überschrift „Die Bundeswehr – nicht einsatzbereit in der eigenen PR-Falle“ darauf verwiesen, dass die Hochglanzwerbung zur Nachwuchsgewinnung und die Realitäten im Bereich der Ausrüstung weit auseinanderklaffen. Im August 2019 habe ich kommentiert, dass die Tatsache, dass Soldatinnen und Soldaten künftig in Uniform umsonst Zug fahren dürfen, eine Entscheidung von Annegret Kamp-Karrenbauer (CDU), nur Symbolpolitik sei, welche die Probleme der Truppe nicht löse („Freie Fahrt für SoldatInnen – der große Wurf der AKK?“). Als Kanzler Scholz im Februar 2023 meinte, dass eine Wiedereinführung der Wehrpflicht keinen Sinn ergeben würde, hielt ich dies für richtig. In meinem Beitrag „Über die Wehrpflicht muss geredet werden! – Wirklich?“ sprach ich mich gegen erneute Schnell-schüsse aus, jedoch für strategische und nachhaltige Überlegungen, wie die Situation in den Streitkräften verbessert werden könne.


Nun hat der Deutsche Bundestag Anfang Dezember 2025 das „Wehrdienst-Modernisierungsgesetz“ beschlossen. In namentlicher Abstimmung votierten 323 Abgeordnete für den Entwurf, 272 stimmten dagegen. 34 Abgeordnete haben an der Abstimmung nicht teilgenommen, es gab eine Enthaltung.


Ab dem kommenden Jahr erhalten alle junge Menschen ab 18 Jahren einen Fragebogen. Für Männer ist die Beantwortung Pflicht, für Frauen ist die Abgabe freiwillig. Für alle Männer ab dem Jahrgang 2008 wird zudem wieder eine Musterungspflicht eingeführt. Zudem soll die Ausrüstung verbessert und die Vergütung deutlich erhöht werden. Ziel ist es, zunächst ausreichend Freiwillige für den geplanten personellem Aufwuchs der Truppe zu generieren. Sollte dies nicht erreicht werden, soll es zu einer „Bedarfswehrpflicht“ kommen, über welche der Bundestag in einem Gesetzgebungsverfahren erneut beraten und beschließen müsste. Darüber hinaus sollen auch die weiteren Freiwilligendienste gestärkt und ausgebaut werden.


Das Echo war deutlich, wenngleich wenig überraschend: In den sozialen Netzwerken erhob sich der erwartbare Meinungssturm. Man werde seine Kinder nicht in den Krieg schicken und sie für diese Regierung abschlachten lassen, so der Tenor. Schülerinnen und Schüler demonstrierten gegen das Gesetz. Es wirkte fast so, als ob ab dem 01. Januar 2026 abertausende junger Menschen direkt von der Schulbank in Schützengräben geschickt werden würden.


Das ist bei aller verständlicher Emotionalität des Themas Unsinn. Faktisch geht es darum, dass sich die Bundeswehr einen (neuen) Überblick verschafft, wer überhaupt tauglich wäre und mit Anreizen den Dienst attraktiver gestaltet. Wehrpflichtige werden dabei grundausgebildet. Sie werden weder in Auslandseinsätze geschickt, noch für diese Regierung verheizt, wie manche kommentierten.


Natürlich sind viele Fragen aktuell noch ungeklärt: Wie soll der geplante Aufwuchs der Bundeswehr organisatorisch umgesetzt werden? Woher kommen die Kapazitäten, die man allein für die Erfassung uns Musterung benötigt? Woher die erforderliche Anzahl an Ärztinnen und Ärzten? In welchen Kasernen soll die Grundausbildung erfolgen? Mit welcher Ausrüstung und welchem Personal? Wie sieht es mit der Wehrgerechtigkeit aus? Wäre es verfassungsgemäß, wenn am Ende das Los entscheidet, wer zum Dienst an der Waffe muss?


Hier bin ich an vielen Stellen nach wie vor skeptisch. Dessen ungeachtet muss man sich jedoch die Frage stellen, wie sich unser Land und auch Europa künftig sicherheitspolitisch aufstellen sollen, angesichts neuer Bedrohungen durch Russland auf der einen Seite und einem amerikanischen Präsidenten auf der anderen Seite, welcher deutliche Zweifel an der künftigen Verlässlichkeit des wichtigsten Bündnispartners aufkommen lässt.


Wer verteidigt unser Land im Fall der Fälle? Dabei geht es nicht nur um abstrakte Frage von Werten, sondern ganz konkret um unsere Familien, unser Zuhause, unsere Heimat.


Grundsätzlich begrüßt mehr als die Hälfte der Bevölkerung die Wiedereinführung eines Wehrdienstes. Wenig überraschend ist die Haltung umso ablehnender, je jünger und politisch links eingestellt die Befragten sind. Je älter und konservativer, desto größer die Zustimmung. Anders stellt sich das Bild dar, wenn es um die konkrete Frage geht, wer im Angriffsfall bereit wäre, in der Bundeswehr zu dienen. Hier zeigt sich die höchste Bereitschaft bei Unions-Anhängern (38 Prozent), bei den Anhängern der Grünen (!) mit 35 Prozent und der SPD mit 31 Prozent. Am geringsten ausgeprägt ist die Bereitschaft bei der Linken und der AfD. Jeweils 71 Prozent wären nicht bereit, Deutschland zu verteidigen.


Bei der AfD mag dies verwundern. „Zeit für Deutschland“, so lautet doch ihr aktueller Slogan. Kein Tag an dem die Partei sich nicht mit neuen, patriotischen Vorschlägen überschlägt, während sie sich gleichzeitig bei Trump und Putin die Klinke in die Hand gibt. Programmatisch fordert die Partei seit Jahren die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Wenn es konkret wird, stimmt sie jedoch geschlossen dagegen. Der AfD-Verteidigungspolitiker Lucassen forderte in seiner Rede im Bundestag stattdessen ein soldatisches Selbstverständnis, das auf Pflichtgefühl und Tradition beruhe. Wie allein eine innere Haltung personelle Lücken schließen soll, erschließt sich mir nicht.


„Zeit für Deutschland“? Ja, bitte. Außer, es betrifft einen selbst. Das scheint symptomatisch zu sein. Gerade, aber nicht nur bei der AfD. Die Frage der Landesverteidigung gleicht dabei ein wenig der Aussage „Jemand müsste mal den Müll rausbringen.“ Jeder erkennt die die sachliche Notwendigkeit, nur tun will es keiner.


Hier sehe ich, wenn man den Blick weitet, eine allgemeinere, besorgniserregende Tendenz. So sinkt quer durch die Bevölkerung die Bereitschaft, sich für die Gesellschaft zu engagieren. Dem 6. Freiwilligensurvey der Bundesregierung folgend, haben sich 2025 rund 27 Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich engagiert. Das entspricht einem Anteil von 36,7 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahren. Das ist eine beeindruckende Zahl. Und doch ist die Zahl der Engagierten seit 2019 real um circa 1,8 Millionen oder 3,3 Prozentpunkte gesunken. Egal, ob Kirchen, Parteien, Vereine, Hilfsorganisationen oder Verbände – sie alle haben hier in der Konsequenz mit Herausforderungen zu kämpfen.


Dabei ist es genau dieses Engagement ist der Kitt, der unsere Gesellschaft an vielen Stellen zusammenhält. Es ist dieses Engagement, in dem Gemeinschaft und Demokratie gelebt werden, das darüber entscheidet, ob Integration gelingen kann. Das an vielen Stellen demografische und/oder strukturelle Veränderungen auffängt oder abmildert.


John F. Kennedy wird das Zitat zugesprochen „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt.“ Dahinter steht das Wissen, dass der Staat nicht zum vollumfänglichen Versorger werden kann. Eine um sich greifende passive Konsumentenhaltung á la „Es wird sich schon jemand darum kümmern“, wird uns nicht helfen. Weder nach innen noch nach außen.

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oliver jauernig | dozent | autor | blogger

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