Mein Feuerwerk nehmt ihr mir nicht! – Freies Böllern für freie Bürger!
- Oliver Jauernig
- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit

Jedes Jahr kurz vor Jahresende kommt sie auf, die Diskussion über die Sinnhaftigkeit oder Notwendigkeit eines Verbots von Böllern und privatem Feuerwerk. Und jedes Jahr läuft sie nach demselben unsichtbaren Drehbuch ab: Irgendjemand macht die Diskussion auf, liefert dazu rationale Argumente, und dann kocht sie langsam hoch, die erwartbare Empörungssuppe.
Man lasse sich doch von den links-grün-versifften-woken-Weltverbesserern nicht jeden Spaß und jede Freiheit nehmen. Das sei doch alles nur die übliche ideologische Verbotssucht, die sich gegen das eigene Volk richte. Und so weiter. Wenn erst mal die AfD das Sagen habe, dann werde hier ausgemistet und dann werde wieder Politik für die kleinen Leute gemacht. Und dann hagelt es nicht selten blaue Herzchen im Akkord.
Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden. Natürlich gönne ich jedem seinen Spaß. Und es geht mir hier auch nicht um das kleine Familienfeuerwerk. Aber ich wundere mich bei manchen (Vorsicht Triggerwarnung: Gleich wird gegendert!) Kommentator:innen in den sozialen Netzwerken schon ein wenig über ihre Beiträge. Zum Beispiel, wenn sie sich von ihrer Community dafür feiern lassen, dass sie mehrere hundert oder gar mehr als tausend Euro für Feuerwerkskörper ausgegeben haben, oder explizit angeben, dass sie sich doch von den grünen Weltverbesserern nichts vorschreiben lassen wollen.
Oder wenn da gefeixt und gefeiert wird, wenn irgendwo im Mittelmeer Dutzende Geflüchtete ertrunken sind. Das Zitieren dieser geschmacklosen Kommentare erspare ich mir an dieser Stelle. Gleichzeitig werden von denselben Leuten Kätzchen, Hundewelpen und Herzen für Tiere gepostet. Ich habe vor wenigen Tagen erstmals Videos gesehen, was in Tierheimen und Ställen bei der jährlichen Böllerei passiert – und war entsetzt. Aber das ist dann egal. Einmal im Jahr können die Tiere schon in Panik verfallen.
Da wird das ganze Jahr geschimpft, dass alles immer mehr kostet und sich „die da oben“ um nichts kümmern. Werden der Mindestlohn oder andere Leistungen erhöht, dann ist das grundsätzlich zu wenig. Gleichzeitig werden in Deutschland an Silvester innerhalb weniger Minuten rund 200 Millionen Euro in die Luft gejagt. Je mehr es dabei knallt und stinkt, desto besser.
Das Umweltbundesamt schätzt die jährliche Menge an Feinstaub (PM10) durch Feuerwerk auf rund 2.050 Tonnen. Stellenweise übersteigt die gemessene Konzentration die Jahresmittelwerte damit um das 50-Fache. Egal. Hauptsache, man hat es den Grünen und dieser woken Mischpoke mal so richtig gezeigt. Böllern, quasi als letzter selbstbestimmter Protest gegen das Establishment. Je größer die Wut, je geringer der Verstand, desto größer die Böller – mag man hier fast vermuten.
In diesem Böllerrausch kann dann auch mal was schiefgehen. Neben Bränden und Unfällen berichten Krankenhäuser und Kliniken regelmäßig von einem stark erhöhten Aufkommen an feuerwerksbedingten Verletzungen. Darunter viele beschädigte Trommelfelle, Hand-, Augen- und Gesichtsverletzungen. Zum letzten Jahreswechsel meldete beispielsweise die Deutsche Krankenhausgesellschaft bundesweit etwa 100 Schwerverletzte. Hinzu kommt ein Vielfaches an ambulant behandelten Fällen in den Notaufnahmen.
Immer wieder kommt es zu Amputationsverletzungen, wie abgesprengte Finger. In diesem Fall ist zunächst die Blutung zu stillen und der Notruf zu wählen. Das steril eingewickelte Amputat im Anschluss in einen verschlossenen Plastikbeutel geben. Diesen wiederum in einen zweiten mit Wasser und Eis gefüllten Beutel. Dann besteht eine reelle Chance, dass der syrische Arzt, den man ansonsten lieber gestern als morgen remigrieren würde, noch etwas retten kann. Aber in einer solchen Lage zeigen sich Betroffene – Weg mit den blauen Herzchen! – dann doch gerne einmal großzügig.
In diesem Sinn… drei… zwei… eins… Böller frei!



Kommentare