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Essen fürs Vergessen? - Gastropopulismus als Mittel der Politik

  • Autorenbild: Oliver Jauernig
    Oliver Jauernig
  • vor 1 Stunde
  • 5 Min. Lesezeit

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Der bayerische Ministerpräsident ist ein Phänomen. Kaum ein Politiker beherrscht die Klaviatur der Selbstinszenierung so perfekt zu spielen, wie er. Das muss man neidlos anerkennen.


Dies gelingt ihm vor allem über soziale Netzwerke – und mit bayerischem Steuergeld. So sind die Ausgaben der Staatskanzlei für Fotografen massiv gestiegen und betragen ein Vielfaches im Vergleich zu Seehofer. Für 2024/2025 hatte die Staatskanzlei rund 7,3 Mio. Euro für PR-Ausgaben eingeplant. Das ist grob eine Million (!) mehr als im vorherigen Haushaltsplan. Allen Sparvorgaben zum Trotz werden die PR-Strukturen auch im Doppelhaushalt 2026/2027 nicht grundlegend reduziert – sie bleiben im hohen einstelligen Millionenbereich bestehen.


Unter dem Hashtag söderisst hat sich der Ministerpräsident zudem seine eigene Social-Media-Marke geschaffen. Von der beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragenen Wort- und Bildmarke „Söder Kebab“ (Registernummern u.a. 302024008374 und 302024008375) einmal abgesehen. Mehr als 60-mal hat er, jedem der wissen wollte oder auch nicht, allein 2025 mitgeteilt, was er so verzehrt hat. Dass sich der Ministerpräsident höchstselbst ernährt, mag nicht verwundern. Es erinnert an das Zitat des deutschen Humoristen Loriot, der sagte: „Ich persönlich esse täglich.“ Ach was. Wie Loriot, so also auch Söder.


Dabei gibt er sich in Abgrenzung zu einem vermeintlichen Fleischverbot betont fleischlastig. Das klingt unterschwellig nach Alice Weidels „Ich lasse mir mein Schnitzel nicht verbieten!“. Dass dies aktuell weder geplant noch gefordert ist, weder von den Grünen noch sonst wem, ist dabei völlig egal. Gastropopulismus nennen das die Soziologen.


Emotional wird dann auf die Kindheit Bezug genommen („Hat schon meine Mutter oft und gerne den Kindern gemacht“) oder der Bürger nach seinen Vorlieben befragt („Was gibt es bei Euch an Weihnachten?“). Das verbindet. Das sorgt für Reichweite. So wird, wie gewünscht, tausendfach geliked und geantwortet. Und es lenkt ab. Zum Beispiel davon, dass der Ministerpräsident kaum im Plenum des Landtags anwesend ist. Oder dass man Leistungen für die Bevölkerung kürzt. Das geht in der Masse schlicht unter - oder wird praktischerweise schnell wieder vergessen.


Das halten Sie für übertrieben? Dann schmökern Sie sich doch einmal durch Söders Speisekarte 2025 und finden sie die darin versteckten Kürzungen. Ich wünsche: Bon appétit!


·      10. Januar: Zimmer voller Süßigkeiten („söderisst dass nicht alles - aber hinschauen ist

erlaubt. Was würde Euch am besten schmecken?“)

·      15. Januar: Schinkenbrote („söderisst gerne herzhaft“)

·      16. Januar: Nürnberger Rostbratwürste („söderisst das einfach immer gerne“)

·      17. Januar: Currywurst gemeinsam mit Friedrich Merz

·      19. Januar: Erbsensuppe aus dem Sauerland („söderisst halt gerne Hausmannskost und

bodenständig“)

·      21. Januar: Meefischli mit Kartoffelsalat („söderisst das gern“)


·      3. Februar: Wilder Brokkoli und Salat aus violetten Kartoffeln („Sorry, söderisst das nicht.“)

·      7. Februar: Rib-Eye-Steak mit Ofenkartoffel („söderisst gerne deftig und herzhaft“)

·      15. Februar: Original Nürnberger Rostbratwürste („söderisst das regelmäßig“)

·      19. Februar: Schweinshaxe mit zwei Knödel („söderisst gerne bayerisch“)

·      20. Februar: scharfes Chili („Hot and spicy – wie die CSU“)

·      24. Februar: Bratwürste mit Kraut und Senf („söderisst Bratwürste immer und überall“)

·      27. Februar: Rollmops und Matjes mit Zwiebeln („söderisst nicht nur Fleisch“)


·      11. März: Leber nach Berliner Art („Mein Opa war als gebürtiger Leipziger großer Fan

davon und wir Kleinen durften damals immer mit ihm essen“)

·      20. März: Pistazieneis („Hattet ihr dieses Jahr schon ein Eis?“)

·      21. März: Burger, mit allem Drum und Dran („söderisst sowas immer gerne“)

·      28. März: Döner („söderisst den einfach gerne. Denn Döner macht schöner“)

·      30. März: Schäufele mit Kloß („söderisst das in seiner fränkischen Heimat mit am liebsten.“)

·      31. März: Erdbeerbecher mit Vanilleeis („söderisst eben nicht nur Fleisch“)


·      15. April: nur Toast und Tee („Denn gestern hat es mich ziemlich erwischt“)

·      16. April: Leberkäsesemmel („Zum Glück geht es mir wieder gut. […] söderisst eben doch

gerne bayerisch“)

·      25. April: Spiegelei mit Bacon, Baked Beans und Toast („söderisst gerne deftig“)


·      14. Mai: bayerische Schmankerl und Affenkopfsteak („Aber keine Sorge, das ist ein Pilz“)

·      17. Mai: türkische Grillplatte („Natürlich etwas fleischlastig, aber auch gesundes ist dabei“)

·      16. Mai: Pistazieneis

·      20. Mai: Hähnchenbrust und mediterranes Gemüse („söderisst heute gesund –

Sportlernahrung […] ist gesund und schmeckt trotzdem“)


·      3. Juni: „kleinen Fisch“

·      10. Juni: Chicken Wings („Esse ich super gerne – mögt ihr das auch?“)

·      20. Juni: Radi mit frischem Schnittlauchbrot („Einfach perfekt nach der Radltour. Was darf für Euch im Biergarten nicht fehlen?“)

·      23. Juni: Döner („Döner geht einfach immer. Bestelle immer mit allem und scharf“)

·      25. Juni: Brotzeit („söderisst einfach gerne bayerisch“)

·      25. Juni: Das Kabinett beschließt, das Bayerische Familiengeld und das Krippengeld ab 2026 durch ein Kinderstartgeld zu ersetzen. Die Höhe der Leistungen wird dabei von 6.000 Euro auf 3.000 Euro halbiert.


·      1. Juli: Pralinen in Brüssel („söderistauchmalwassüsses […] Was ist eure Lieblingspraline?“)

·      8. Juli: große Brotzeit im Festzelt („söderisst am liebsten regionale und heimische Kost“)

·      12. Juli: fränkische Wurst-Kabeltrommel („söderisst das aber nicht alleine“)

·      13. Juli: Eis am Sonntag („söderisst im Sommer gerne Eis in allen Varianten“)

·      17. Juli: Pizza mit Salami, Schinken und Oliven („Was ist euer Favorit?“)

·      18. Juli: fränkische Brotzeit mit Fleisch- und Blutwurst und frischem Brot (“söderisst heute ausnahmsweise keinen Salat“)

·      20. Juli: Eis – die Lieblingssorten Malaga, Pistazie und Erdbeere


·      24. August: Döner („söderisst gerne einen Döner, wenn er in Berlin ist“)

·      27. August: frisches Matjesbrötchen („Fischbrötchen-Kultur auf norddeutsch – gehört dazu wie das „Moin“ am Morgen.“) – Söders Ausflug nach Helgoland hat die bayerischen Steuerzahler laut Staatskanzlei rund 16.000 Euro gekostet. Muss ein gutes Brötchen gewesen sein.


·      4. September: Pizza Salsiccia mit Oliven („söderisst Pizza einfach gerne“)

·      6. September: Wurstkette („Heute schmackhaftes Geschenk der Metzgerinnung. […] söderisst weiter Wurst“)

·      8. September: Kiachl, Küchle oder Auszogne („söderisst auch gerne mal was Süßes“)

·      12. September: Karpfen gebacken („söderisst auch gerne Fisch“)

·      14. September: Fastfood bei McDonalds („Ja, es gibt gesünderes, aber es ist einfach lecker“)

·      16. September: Döner in Zirndorf („Jeder soll sich Döner leisten können!“)

·      19. September: Döner („Bin ein großer Döner-Fan“)

·      20. September: Gegrilltes Hähnchen („Wiesn-Zeit ist Hendl-Zeit“)

·      27. September: Gebackener Karpfen („söderisst bis heute sehr gerne gebackenen Karpfen“)


·      16. Oktober: Schweinebraten mit perfekter Kruste und dazu Kartoffelknödel („Bayern pur heute zum Mittagsessen“)

·      24. Oktober: Erbsensuppe mit Wiener Würstchen („Heute wieder was Bodenständiges zu essen“)


·      11. November: Die Staatsregierung kippt das geplante Kinderstartgeld. Die Leistung entfällt somit komplett.

·      14. November: Currywurst in Berlin

·      22. November: Wildfleisch-Burger und ein Bratwurstweggla („Hat gut geschmeckt und bei der Kälte eine super Stärkung“)

·      29. November: Kartoffelsuppe und „Knacker mit alles“

·      30. November: Nürnberger Rostbratwürste auf dem Christkindlesmarkt


·      1. Dezember: Belegte Brötchen zum Abend („söderisst gern bodenständig“)

·      3. Dezember: Eis („Eis geht immer“)

·      7. Dezember: Lebkuchen („Lebkuchenherzen sind einfach Tradition – und ein Herz für Bayern ebenso“)

·      7. Dezember: Feine Nudelsuppe („Löffle meine Suppe immer selber aus“)

·      9. Dezember: Saures Lüngerl mit Semmelknödel („Hat schon meine Mutter oft und gerne den Kindern gemacht“)

·      10. Dezember: Der Landtag beschließt auf Antrag der CSU-Staatsregierung die Halbierung des Landespflegegeldes von 1.000 Euro auf 500 Euro ab 2026. Zuvor wurde bereits die Zahlung von 2025 auf 2026 verschoben, so dass in 2025 gar keine Zahlung erfolgt ist.

·      16. Dezember: Gänsebraten mit Kloß („Heute was ganz besonderes“)

·      18. Dezember: Chili im Zug

·      25. Dezember: Gans mit Klöß und Blaukraut („Was gibt es bei Euch an Weihnachten?“)

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