Deutschland, (un-)einig Vaterland? Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit

Aktualisiert: 3. Okt.


Heute, am Tag der Deutschen Einheit, kam mir spontan ein Beatles-Song in den Sinn - "The long and windig road". Der Sound getragen, ein wenig melancholisch. 32 Jahre nach der Wiedervereinigung mag das bei vielen Menschen das Grundgefühl sein, wenn sie auf „die lange und kurvenreiche Straße“ zurückblicken, welche wir Bun­des­bür­ger aus West und Ost seitdem gemeinsam gegangen sind.


Stellenweise ist nur wenig von der inneren Einheit zu spüren – in vielen Köpfen herrschen noch immer die Stereotypen des „dummen Ossis“ und des „Besserwessis“ vor. Viele blicken nicht auf eine gemeinsame bundesdeutsche Zukunft, sondern mit verklärtem, fast sehnsuchtsvollen, Blick zurück auf die Zeit der DDR. In Teilen erwächst daraus eine regelrechte Ostalgie. Zu groß sind vielleicht die nicht erfüllten Hoffnungen, die erfahrenen Kränkungen, die Unterschiede in den Mentalitäten und die herrschenden Krisen und Herausforderungen. Da erscheint manch Vergangenes retrospektiv plötzlich in einem helleren, wärmeren Licht.


Das mag auch daran liegen, dass die Wiedervereinigung, so historisch einmalig sie gewesen ist, eher einer „feindlichen Übernahme“ als einer Annäherung auf Augenhöhe glich: Der Westen hatte gewonnen, die Marktwirtschaft sich als das überlegenere System erwiesen. Die Menschen feierten begeistert das Begrüßungsgeld und tauschten Erspartes in D-Mark um – um es anschließend zu verkonsumieren und die Umsätze der West-Firmen steigen zu lassen. Diese wiederum kauften an vielen Orten bestehende Betriebe auf, um Subventionen zu erlangen, Konkurrenz auszuschalten und sich den neuen Absatzmarkt zu erschließen – um dann schließlich „abzuwickeln“. Die „blühenden Landschaften“ Kohls hatten sich viele anders vorgestellt: Am Ende wuchs und blühte es an den Orten, wo Menschen früher in Lohn und Brot gestanden hatten. Und viele soziale Errungenschaften der DDR wurden im Zuge der Wiedervereinigung einfach als „sozialistisches Teufelszeug“ abgeschafft. Heute, nach 32 Jahren, müssen wir uns eingestehen, dass falsche Entscheidungen getroffen worden sind und dass noch viel zu tun bleibt.


Dass wir zwischenzeitlich mit Angela Merkel und Joachim Gauck zeitgleich eine Kanzlerin und einen Bundespräsidenten aus Ostdeutschland hatten, kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die neuen Bundesländer an vielen Stellen nach wie vor unterrepräsentiert sind: in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien. In der aktuellen Ampel-Regierung kommen gerade einmal fünf der 54 Bundesminister und parlamentarischen Staatssekretäre aus den neuen Ländern. Das sind immerhin zwei mehr als zuletzt bei Angela Merkel und doch weniger als zu Zeiten Kohls. 2017 waren bundesweit nur 1,7 Prozent der Spitzenpositionen in der Wirtschaft mit Ostdeutschen besetzt – in den Vorständen der DAX-Konzerne findet sich auch heute noch nur eine Handvoll. Und in den Chefredaktionen ostdeutscher Medien haben mehr West- als Ostdeutsche das Sagen. Das sind Verwerfungen, die sich allein mit monetären Aspekten nicht auflösen lassen. Da helfen weder die fast abgeschlossene Angleichung der Ost-Renten an das West-Niveau, noch der seit vorgestern erhöhte Mindestlohn von 12 Euro, von welchem überproportional die Arbeitnehmer in den neuen Bundesländern profitieren.


Hier haben wir als Gesellschaft noch ein gutes Stück Weg vor uns. Ebenso die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik. Besonders von letzterer sehen sich viele Menschen in den neuen Ländern im Stich gelassen. Gerade DIE LINKE, ehemals DIE Partei des Ostens, hat diesen Status inzwischen – zumindest auf dem flachen Land – verloren. In vielen Orten ausgerechnet an die AfD. Gleiches gilt für die Arbeiterpartei SPD. Zu gefestigt scheint bei vielen das Gefühl des Zurückgelassenseins. Zu stark ist im Gegenzug die Anfälligkeit für die Verlockungen der Populisten gestiegen – oder der Gang in die Wahlenthaltung.


„You left me standing here a long long time ago” – „Du hast mich hier vor langer, langer Zeit stehen lassen,” heißt es im zitierten Beatles-Song. Und genau dieser Eindruck, dieses Gefühl gilt es aufzubrechen, aufzulösen. Das erfordert bei manchem die Einsicht, dass sich die soziale Sicherheit der DDR nicht in Einklang mit der globalisierten Wirtschaft unserer Zeit bringen lässt. Dass gerade in den aktuellen Krisenzeiten der Staat nicht in der Lage ist, alles aufzufangen, sondern nur besondere Härten vermieden werden können. Dass es nicht hilft, dafür Geflüchtete oder Hartz-IV-Empfänger verantwortlich zu machen. Und es erfordert ein Umdenken in den Führungsetagen unserer Republik. Dass es eben nicht reicht, von „innerer Einheit“ zu sprechen, wenn man diese nicht auch bei sich selbst umzusetzen bereit ist – egal, ob in der Wirtschaft, einer Redaktion oder einem Ministerium.


Ist die Einheit gescheitert? Hätte man darauf verzichten sollen? Auf keinen Fall.


Wir haben gemeinsam viel erreicht, gerade auch wirtschaftlich. Die neuen Bundesländer holen auf. Das Gefälle zwischen Nord und Süd oder zwischen Ballungsräumen und ländlich geprägten Gebieten ist inzwischen an vielen Stellen größer als zwischen West und Ost. Auch in den neuen Bundesländern gibt es boomende Regionen, haben sich Unternehmen mit Innovationen und dem Engagement ihrer Beschäftigten neue Märkte erschlossen. Viele Städte und Regionen erscheinen im neuen Glanz und sind beliebte Reiseziele geworden. Die Krisen der vergangenen Jahre hat unser Land besser gemeistert als viele unserer europäischen Nachbarn.


Vor allem aber ist unser Land durch viele persönliche Kontakte, Beziehungen und familiäre Bande einiger geworden, zusammengewachsen – im Kleinen. Angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage, mag jedoch der größte Erfolg sein, dass unser Land nicht mehr durch Mauer und Stacheldraht getrennt ist und sich an beiden Seiten der Grenze nicht mehr waffenstarrende Blöcke gegenüberstehen – immer gewahr, dass der „kalte Krieg“ wieder aufbricht.


Vielleicht sollten wir, trotz aller herrschender Probleme und Herausforderungen, die positiven Aspekte und Entwicklungen nicht aus den Augen verlieren – und auch mit Dankbarkeit auf den zurückgelegten Weg der vergangenen Jahre blicken.


In diesem Sinn wünsche ich allen einen schönen Tag der Deutschen Einheit!


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