Der Blackout in Berlin – wie verwundbar ist unsere Gesellschaft?
- 5. Jan.
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Am 03. Januar 2026, kurz nach 6 Uhr morgens, brennt eine Kabelbrücke über dem Teltowkanal in Berlin – und in den Stadteielen Nikolassee, Zehlendorf, Wannsee und Lichterfelde gehen für rund 45.000 Haushalt und 2.000 Gewerbetriebe die Lichter aus. Auf den Straßen wird es zappenduster. Nichts geht mehr. Pflegereinrichtungen müssen zum Teil evakuiert werden, Supermärkte bleiben geschlossen. Zum Teil ist das Handynetz ausgefallen. Und das bei winterlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Aufgrund der schweren Beschädigungen werde es bis zu fünf Tage dauern, um alle Betroffenen wieder mit Strom versorgen zu können.
Bereits im September gab es einen mehrtägigen Stromausfall im Südosten Berlins. Auch damals waren rund 50.000 Menschen betroffenen, die Folgen aufgrund der Jahreszeit jedoch deutlich geringer. In beiden Fällen geht man von politisch motivierten Anschlägen mutmaßlich linksextremistischer Täter aus. Im September auf zwei Strommasten, jetzt auf die Kabelbrücke.
Die AfD macht das, was sie am besten kann. Sie betreibt den üblichen Alarmismus und spielt ihr hohes Lied vom „Staatsversagen“.
Natürlich kann man alles besser machen. Dabei darf man jedoch nicht übersehen, dass die Verantwortlichen und die Hilfsorganisationen schnell reagiert haben. Indem als erstes sogenannte Kat-Leuchttürme errichtet worden sind. Das sind mit Notstrom versorgte Anlaufstellen, welche das Absetzen von Notrufen, die Kontaktaufnahme zu Behörden oder das Laden von Handys ermöglichen. Die Wasser- und Abwasserversorgung wurde schnell über eine Not-Stromversorgung zumindest bis zu einer Bauhöhe von 22 Metern sichergestellt. Bis zum Abend wurden erste Notunterkünfte eingerichtet, um Menschen aufnehmen zu können, welche nicht bei Freunden oder Verwandten unterkommen können. Nach einem Stellwerksausfall ist im Bereich der S-Bahn in den Abendstunden ein Ersatzverkehr eingerichtet worden. Die Polizei hat mit mehreren Hundert Einsatzkräften ihre Präsenz in den betroffenen Gebieten ihre Streifentätigkeit verstärkt. Neuralgische Punkte werden ausgeleuchtet. In der ersten Nacht konnten bereits 7.000 Haushalte und etwa 150 Gewerbekunden wieder ans Netz genommen werden.
Das THW aus Berlin und Brandenburg hat an bestimmten Stellen die Notversorgung übernommen und hält weitere Aggregate in Reserve, um kurzfristige Bedarfe, zum Beispiel von Krankenhäusern, auffangen zu können. Gegen Mittag des Folgetages waren alle betroffenen Kliniken wieder regulär am Netz. Gegen Nachmittag wurde die Hilfe der Bundeswehr angefordert. Für geschlossene Schulen wurde eine Notbetreuung für Schülerinnen und Schüler an anderen Schulen eingerichtet. Gleichzeitig wurde offiziell eine Großschadenslage ausgerufen, was das Hinzuziehen von Bundeswehr, Bundespolizei und weiteren Rettungs- und Hilfsorganisationen erleichtert. Bis Montagmorgen konnten drei Viertel der betroffenen Fernwärmekunden wieder ans Netz genommen werden. Mit zusätzlichen Generatoren sollen weitere Funktürme in Betrieb gehen können. NRW hat weitere Aggregate zugesagt.
Insgesamt werden die Notunterkünfte bislang weniger stark genutzt als erwartet. Dies liegt auch an der Solidarität der Berlinerinnen und Berliner. Insgesamt zeigt der Vorfall, dass das Katastrophenmanagement funktioniert. Dass es ein gutes Zusammenspiel aus Behörden, Hilfsorganisationen und Versorgern gibt. Dass die Berlinerinnen und Berliner besonnen reagieren. Dass sich die Menschen, auch dank des vorbildlichen ehrenamtlichen Engagements vieler andererBürger, auf den Staat verlassen können. Das ist beruhigend.
Klar ist auch, Anschläge auf die Stromversorgung, sind kein Ausdruck politischen Kampfes. Es sind Anschläge auf die Allgemeinheit. Sie gefährden Leib und Leben von unzähligen Bürgerinnen und Bürgern. Dies ist klar zu verurteilen. Die Täter sind zu ermitteln und entsprechend vor Gericht zu stellen. Da gibt es keine Diskussion.
Gleichzeitig legen die jüngsten Ereignisse aber auch den Finger in die Wunde. Sie zeigen auf, wie vulnerabel unsere kritische Infrastruktur ist. Und sie werfen die Frage auf, wie einerseits die entsprechenden Anlagen und Einrichtungen besser geschützt und anderseits Abläufe und Ausrüstung im Bereich des Katastrophen- und Bevölkerungsschutzes verbessert werden können – und müssen.
Denn eines ist klar. Nicht jeder Strommast, nicht jede Trafostation, nicht jede Hochspannungsleitung wird sich schützen lassen. Nicht in Berlin und auch sonst nirgends. Gleiches gilt für die Wasserversorgung und andere sensible Bereiche.
Dabei wächst die Bedrohungslage. Heute sind es linksextreme Aktivisten, morgen vielleicht Reichsbürger, übermorgen ein religiös motivierter Anschlag, tags drauf der Hacker-Angriff durch einen Drittstaat im Rahmen einer hybriden Kriegsführung. Oder ganz banal: ein Unwetters- oder eine Naturkatastrophe.
Egal, ob Blackout in Berlin, das extreme Hochwasser in Ostdeutschland 2002 oder das verheerende Unwetter im Ahrtal, alle größeren Katastrophen zeigen unsere Anfälligkeit und die Verwundbarkeit unserer modernen durchtechnisierten Gesellschaft.
Die Frage ist nun, wie können die Systeme sicherer gemacht und wie können, ggf. zusätzliche, Rückfallebenen aufgesetzt werden? In welchen Bereichen (z.B. bei Tankstellen, Logistikzentren, etc.) sollte eine Notstromversorgung verpflichtend sein? Wie müssen Bundeswehr, Bundespolizei und die Hilfsorganisationen ertüchtigt und ausgestattet werden, um auch bei großflächigeren Ereignissen handlungsfähig zu bleiben? Welche Güter müssen staatlicherseits bevorratet und vorgehalten werden – auch über bestehende Kapazitäten hinaus? Wie kann eine bessere Information und Schulung der Bevölkerung für Krisenfälle erfolgen?
Hier gibt es noch einige Hausaufgaben zu machen. Alarmismus und der gebetsmühlenartige Vorwurf, der Staat würde versagen, sind jedoch falsch, unangebracht und der Sache nicht dienlich.



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