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Der (alte) Mann ist das Problem?

  • Autorenbild: Oliver Jauernig
    Oliver Jauernig
  • vor 12 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

Eine Anmerkung vorweg: Es geht mir nicht um Altersdiskriminierung. Und es geht auch nicht um Donald Trump - also, ja doch, aber eben nicht nur...


Die G20 sind ein Gremium, welches den wichtigsten Industrie- und Schwellenländern als Forum zum Austausch in wichtigen politischen Fragen zur Verfügung steht. Ihm gehören 19 Staaten, sowie die Europäische Union – und sei 2023 die Afrikanische Union an. Hinter den G20-Staaten stehen zwei Drittel der Weltbevölkerung, drei Viertel des Welthandels und etwa 85 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Es ist das Who-is-who der einflussreichsten Nationen. Wenn man sich die Liste der Regierungschefs ansieht, fällt auf: 16 Männern stehen nur vier Frauen gegenüber. Der Altersdurchschnitt der Männer liegt bei etwas über 70 Jahren, der der Frauen bei 61,5 Jahren.


Betrachtet man die größten Militärmächte der Welt auf Basis des Global Firepower-Index 2025, dann ergibt sich folgendes Bild: Hier findet sich aktuell unter den 20 Regierungschefs mit Sanae Takaichi (Japan) und Giorgia Meloni (Italien) nur zwei Frauen. Der Altersdurchschnitt der männlichen Regierungschefs beträgt 69,2 Jahre, wobei die beiden Jungspunde Macron und Selenksyj den Altersschnitt um fast drei Jahre drücken. Der Global Firepower-Index kombiniert mehr als sechzig Faktoren, wie beispielsweise Truppenstärke, Waffenbestände, Logistik, Finanzen und Geografie. (Deutschland lag 2025 übrigens auf Platz 14.)


Bei den Atommächten ist es noch eindeutiger: Die neun gelisteten Staaten werden ausschließlich von Männern regiert. Auch hier überwiegen die „alten Herren“, wenn man Macron (49) und den „Obersten Führer“ Nordkoreas mit seinen (geschätzten) 43 Jahren außenvorlässt. Auch Keier Starmer (GB) gehört mit seinen 64 Jahren noch zu den Jüngeren. Die Bandbreite liegt ansonsten zwischen 72 Jahren (Xi Jingping) und Donald Trump mit 80 Jahren.


Wenn man sich betrachtet, wer unseren Planeten gerade ins Chaos stürzt, dann scheint es offensichtlich: Es sind die Gerontokraten der Welt. Es ist im Wesentlichen eine „Alt-Herren-Riege“, die denkt, dass bestimmte Regeln und (diplomatische) Gepflogenheiten für sie nicht gelten. Die sich ein Denkmal setzen wollen, neue alte Reiche gründen oder einfach der Welt zeigen, wer das Sagen hat. Wenn man so möchte, handelt es sich – entschuldigen Sie die platte Formulierung –, um einen „politischen Schwanzvergleich“. Dafür wird dann Krieg nach außen und Unterdrückung nach Innen als legitimes Mittel angesehen.


Egal, ob das Donald Trump (80) ist, der sich mit plumper Rhetorik, auf der Jagd nach dem nächsten „Deal“, aufführt wie der berühmte Elefant im Porzellanladen – und die amerikanische Gesellschaft ganz nebenbei in eine Autokratie umzubauen sucht. Oder ob es Wladimir Putin (74) ist, der den Zusammenbruch der Sowjetunion nie verschmerzt hat und das Rad der Geschichte zurückzudrehen sucht – mit Krieg, Terror und Gewalt. Oder Xi Jinping (73), der die USA als Weltmacht Nummer eins ablösen will, Minderheiten terrorisiert, das Sozialverhalten der Bevölkerung kontrolliert und immer offener nach Taiwan schielt. Oder Benjamin Netanjahu (76), der den Konflikt mit seinen Nachbarn braucht, um sich an der Macht zu halten.


Es sind Männer, für welche im wahrsten Wortsinn gilt: Nach mir die Sintflut. Klimawandel und Umweltschutz? Für sie kein Thema. Wichtig ist, dass Dollar, der Rubel oder welche Währung auch immer rollt. Da ist auch wenig(er) Platz für Soziales oder inklusive Politik.


Im World Happiness Report 2025 belegen Finnland, Dänemark, Island, Schweden und die Niederlande die Plätze eins bis fünf. Dänemark (Platz 2) und Island (Platz 3) haben mit Mette Frederiksen und Kristrún Frostadóttir jeweils eine Frau an der Spitze der Regierung. Der Altersdurchschnitt der Regierungschefs in den genannten Nationen liegt bei 53,2 Jahren. Damit darf man – außer in Nordkorea – noch keine Atomwaffen haben.


Ist also der Mann das Problem? So hat es zumindest Udo Jürgens 2014 mit einem Augenzwinkern in seinem gleichnamigen Lied besungen: „Wer hält sich für den Größten, | seit sich diese Erde dreht. | Wer spaltet die Atome, | bis das ganze Land untergeht? | Wer rast wie ein Gestörter, | Drängelt auf der Autobahn. | Wer traut sich nicht zum Zahnarzt, | Aber Kriege fängt er an? | Es ist der Mann | Ja, ja der Mann...“


Aber stimmt das?


Wissenschaftlich untersucht hat diese Frage zuletzt Swapnanil Sengupta. Er ist Ökonom und Forscher an der Goethe-Universität in Frankfurt. Er war unter anderem für die Deutsche Bundesbank, das ifo-Institut und den indischen Think Tank „National Council of Applied Economic Research“ tätig. In seiner Studie „The unsung ‘sheroes’: studying the role of women as decision makers in curbing conflicts“, welche am 28. Dezember 2025 im Fachjournal Defence and Peace Economics erschienen ist, kommt er zu dem Ergebnis, dass eine stärkere Partizipation von Frauen die Konfliktwahrscheinlichkeit deutlich reduziert, vor allem bei internen bewaffneten Konflikten oder Konflikten innerhalb einer Regierung.


Auf der Grundlage von Daten aus 175 Ländern aus dem Zeitraum von 1960 bis 2020 hat Sengupta untersucht, wie sich die Beteiligung von Frauen an und in der Politik auf das Auftreten und die Dauer von Bürgerkriegen, territorialen oder ethnischen Konflikten ausgewirkt hat. Sein Fazit: Eine höhere Beteiligung von Frauen hat das Konfliktrisiko gesenkt und Friedensphasen verlängert.

Er empfiehlt u.a. Quoten und Förderprogramme um Frauen gezielt in Parlamente und in die Exekutive zu bringen – vor allem in Ländern, in welchen Frauen bislang wenig bis kaum repräsentiert sind.


So gesehen kann man Frauen nur ermuntern und dazu aufrufen, sich (noch) stärker politisch zu engagieren. Und die Parteien dazu, dieses Engagement zu fördern. So sieht es auch der ehemalige amerikanische Präsident Barack Obama. In einer Rede vor Frauen wird er wie folgt zitiert „Ich möchte Sie, meine Damen, darauf hinweisen, dass Sie nicht perfekt sind. Aber ich kann mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass Sie uns überlegen sind. Ich bin mir absolut sicher, dass wenn alle Länder der Welt zwei Jahre lang von Frauen regiert würden, es in fast allen Bereichen zu einer deutlichen Verbesserung kommen würde und das Leben der Menschen sich in vielerlei Hinsicht verbessern würde.“


Dem ist angesichts der aktuellen (welt-)politischen Lage nur wenig hinzuzufügen.

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