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Klimakleber - oder: Wie man mittels Tüten aufblasen Erdbeben verhindern kann


Sie hören einfach nicht auf! Nun haben Aktivisten der „Letzten Generation“ rechtzeitig zum Start der Urlaubssaison temporär die Flughäfen in Düsseldorf und Hamburg lahmgelegt. Fast täglich liest man zudem von Straßenblockaden – im ganzen Land. Weitere Aktionen sind angekündigt.


Die Suppenattacken auf Kunstwerke erzeugten vielleicht noch befremdliches Kopfschütteln. Das Festkleben am Dirigentenpult der Elbphilharmonie sorgte, nachdem man dieses samt der Aktivisten einfach von der Bühne getragen hat, für virale Erheiterung im Netz. Nun aber kocht des Volkes Seele. Prompt titelt die BILD „Klima-Kleber: Angriff auf unseren Urlaub!“, die BZ Berlin „Zum Ferien-Start! Klima-Chaoten kleben sich auf Flughäfen fest“ und n-tv fragt: „Wo soll der Irrsinn hinführen?“


In einem Land, in welchem der Satz „Freie Fahrt für freie Bürger“ für viele fast schon zum Kulturgut zählt, in welchem man sich nicht einmal auf ein Tempolimit verständigen kann und in dem sich die Hersteller von Aufklebern wie „Friss meinen Feinstaub Greta“, „Hubraum statt Wohnraum“ oder „F*ck you Greta!“ eine goldene Nase verdienen, darf man vieles, aber eben keine Straßen blockieren. Geschweige denn Flughäfen!


In den sozialen Netzwerken glühen die Tastaturen: Da werden hohe Haftstrafen gefordert. Manche rufen laut nach der Todesstrafe für die „Klimaterroristen“. Da werden Videos tausendfach geteilt und Menschen gefeiert, welche die Blockierer einfach von der Straße zerren. Und für den LKW-Fahrer, der in Stralsund offensichtlich vorsätzlich einen Aktivisten angefahren hat, nachdem er den Blockierer zuvor Schläge angedroht hat, sammelt man nun Geld für die Verteidigung vor Gericht.


Bei Populisten und Konservativen knallen im Sekundentakt die Sektkorken. Befeuert es doch ihre Stimmungsmache gegen die Ampel-Regierung im Allgemeinen und die Bündnisgrünen im Besonderen. Die Aktionen der „Letzten Generation“ passen einfach zu gut in das Mantra-artige Narrativ der „links-grün versifften Ökodiktatur“. Dabei wird dann ganz bewusst ausgeblendet, dass die Konservativen angesichts des fortschreitenden Klimawandel sechzehn Jahre unter Angela Merkel nahezu ungenutzt haben verstreichen lassen und dass die Schreihälse der AfD bis dato gar keine Lösungen anzubieten haben. – Warum auch, man hat sich ja dazu entschlossen, das Problem einfach zu negieren.


Und nun entsteht hier eine wachsende Gruppe junger Menschen. Jugendliche genau der Generation, welcher vorgeworfen wird, dass sie sich für nichts interessieren oder engagieren. Heranwachsende, welche mit Sorgen auf die Zukunft blicken. Die sich fragen, wie sie auf einem um drei, vier oder mehr Grad aufgeheizten Planeten leben sollen. Und die das Gefühl haben, dass man sie und ihre Sorgen nicht ernst nimmt – sie schlicht nicht hört.


Diese jungen Menschen haben allen Grund zur Sorge. Zumal das erklärte 1,5-Grad-Ziel eigentlich nicht mehr einzuhalten ist. Wir steuern bis Ende des Jahrhunderts stattdessen auf eine Erwärmung um bis zu 5,5 Grad zu – mit nicht absehbaren Folgen.


Diese jungen Menschen haben jedes Recht, auf diesen Umstand hinzuweisen und sich für eine andere Politik und für ein Umdenken in der Gesellschaft einzusetzen! Und doch ist das Klima-Kleben der falsche Weg! Wer denkt, dass er mit dieser Form des Protestes einen Beitrag zur Problemlösung leistet, erinnert mich an folgenden Auszug aus Monty Pythons „Die Ritter der Kokosnuss“, ein Dialog zwischen einem der Ritter und König Arthur über wissenschaftliche Erkenntnisse: „Und daher wissen wir, mein Lehnsherr, dass die Erde bananenförmig ist!“ – „Oh, Ihr müsst viele Kreuzworträtsel gelöst haben!“ […] „Erklärt mir doch noch einmal, wie man mittels Tüten aufblasen Erdbeben verhindern kann!“ – „Aber gern, Sir…“


Natürlich kann man mit Hilfe von Tüten keine Erdbeben verhindern. Aber genauso wenig wird man mit den genannten Aktionen der „Letzten Generation“ die Menschen zu mehr Klimaschutz bewegen. Und auch das Thema selbst, wird dadurch nicht präsenter.


Letzteres ist meines Erachtens auch nicht nötig. Denn die Auswirkungen des Klimawandels sind bereits spürbar: die Hitzerekorde verdichten sich zunehmend, zum Beispiel wurden am 25. Juli 2019 in Duisburg und Tönisvorst 41,2 Grad Celsius gemessen, am 20. Juli 2022 40,1 Grad in Hamburg-Neuwiedenthal, gestern 38,8 Grad in Bayern. Die Grundwasserstände weichen zunehmend signifikant nach unten ab – zum Teil fehlen bei den Pegeln mehrere Meter zum Normalstand. Das bestätigt ihnen jeder Versorger. Flächen- und Vegetationsbrände nehmen deutlich zu. Ebenso Extremwetterereignisse mit zum Teil dramatischen Folgen, wie zum Beispiel im Ahrtal. Allein in diesem Jahr wurden in Deutschland bisher elf Tornados bestätigt. Ein Wetterphänomen, über welches ich noch während meiner Schulzeit gelernt hatte, dass dies aufgrund der topografischen Beschaffenheit in Deutschland nicht auftreten könne. Reden Sie mit den Einsatzkräften der Feuerwehr, des THW und der Hilfsorganisationen, die hier regelmäßig ehrenamtlich im Einsatz sind. Sprechen Sie mit den Ärzten und Sanitätern, wie sich während der länger werdenden Hitzephasen ihre Einsatzzahlen entwickeln. Reden Sie mit den Landwirten, die zwischen Trockenheit und Hagelschlag um ihre Ernten bangen müssen. Alternativ mit den Forstwirten, deren Wäldern Trockenstress und massiver Borkenkäferbefall immer stärker zusetzen. Oder Sie sprechen mit Hotel- und Gaststättenbesitzern oder den Liftbetreibern in den Skigebieten, wo selbst die künstliche Beschneiung allmählich an die Grenzen ihrer Möglichkeiten kommt. Beispiele gibt es viele.


Jeder, der nicht aus ideologischen Gründen wissenschaftliche Erkenntnisse negiert oder den Klimawandel per se leugnet, kann und sollte wissen, wohin die Reise geht.

Wir haben somit kein Erkenntnis-, sondern ein Reaktionsproblem. Und hier helfen die sich zunehmend radikalisierenden Aktionen der Aktivisten nicht. Eine Änderung politischer Leitlinien oder kollektiven Verhaltens benötigt ein Mindestmaß an Zustimmung in der Gesellschaft. Und dies erreiche ich nicht, wenn ich regelmäßig Menschen auf dem Weg zur oder von der Arbeit behindere oder sie um ihren Urlaub bringe. Wer seinen Flug verpasst und dann – weil es sich um einen „außergewöhnlichen Umstand“ handelt, keinen Anspruch auf Entschädigung hat – wird nicht zu der Erkenntnis gelangen, dass ja ohnehin zu viel geflogen wird. Er wird verärgert sein, wütend. Sich in den Chor derer einreihen, die nach harten Strafen rufen oder sich im schlimmsten Fall auch von den einfachen „Lösungen“ der Populisten einlullen lassen.


Am Ende diskutieren wir über das Verhalten der Aktivisten, die Frage, was ziviler Ungehorsam darf und wo seine Grenzen verlaufen. Aber über das Klima, den Klimawandel und den Umgang damit, sprechen wir nicht.


Wer Politik wirklich ändern will, muss sich politisch engagieren. Muss beispielsweise mit Petitionen um eine möglichst breite Zustimmung werben. Muss damit eine „kritische Masse“ organisieren, welche Gehör findet. Oder muss in einer Partei für seine Positionen um Mehrheiten kämpfen. Das ist weniger spektakulär – und harte Arbeit.


Aber jede gute Idee und jedes wichtige Anliegen, bleiben am Ende genau das, gut und wichtig, wenn man nicht Mehrheiten dafür organisieren kann.

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