Es spreißelt bei den „Spaziergängen“ – oder: Wo gehobelt wird, fallen Späne?



Der Volksmund weiß, dass der Zweck bekanntlich die Mittel heiligt. Das sehen wohl auch manche der Or­gani­sator:innen diverser „Spaziergänge“ so: Hauptsache, es wird mobilisiert und Stimmung gemacht. Da darf man dann wohl auch über noch so offensichtliche Widersprüche hin­weg­se­hen. Jedwede Kritik an den meist illegalen, weil nicht angemeldeten, Ver­samm­lungen wird meist damit abgetan, dass man ja „keine andere Wahl“ hätte, dass in der „Corona-Diktatur“ man sich zur Wehr setzen müsse – und dass man ja nur „friedlich seine Meinung“ äußere.


Die Realität ist nicht selten eine andere: Da wird sich den Anweisungen der Polizei widersetzt, da werden Polizeiabsperrungen durchbrochen, Beamt:innen angegriffen, getreten, gebissen und angespuckt. In München zeigt beispielsweise ein Video, wie bei einer der Versammlungen Polizeibeamte mit einer Frau diskutieren, welche den Anweisungen nicht Folge leisten will, als ein Mann einen der Polizeibeamten von hinten unvermittelt mit Wucht in den Rücken stößt. Da hilft es nicht, dass die Frau dann hysterisch „Wir sind friedlich! Wir sind friedlich!“ kreischt – als die Beamten den Mann nach dem Übergriff zu Bo­den bringen.


Verstärkt werden, wie zum Beispiel in Coswig, in Freiberg, in Friedrichshafen, in Mün­chen, in Hildesheim, in Landsberg am Lech, in Berlin, in München oder Stuttgart Journa­list:in­nen angegan­gen oder wie in Zwickau ein Team des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) tätlich attackiert. Zuletzt wurde in Rosenheim ein Juso von mehreren „Spaziergängern“ an­ge­grif­fen.


Auch verbal zeigt man sich alles andere als zurückhaltend: In Zwönitz im Erzgebirge schrien die „Spaziergänger:innen“ dann schon mal „Kretschmer muss weg!“ und „Schießt ihn ab!“. In einer Telegram-Gruppe in Mecklenburg-Vorpommern wurde Ministerpräsidentin Schwesig wie folgt gedroht: „Sie wird abgeholt, entweder mit dem Streifenwagen in Jacke oder mit dem Leichenwagen, egal wie sie wird abgeholt.“. Ein Bürgermeister aus dem Landkreis Freising erhielt u.a. die Drohung „Erst wenn Du getötet bist, ist die Welt bereinigt…“.


Recherchen von tagesschau.de ergaben, dass in verschiedenen Telegram-Chaträumen allein seit Mitte November mehr als 250 Tötungsaufrufe festgestellt worden sind – vor allem gegen Po­li­ti­ker:in­nen, Journalist:innen, Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen. Wo gehobelt wird, fallen Späne?


Ähnlich sieht es mit der Wahrheitsliebe aus. Da wird man nicht müde, der sogenannten „Lü­gen­presse“ ihre Legitimität abzusprechen, dass sie vermeintlich von der Regierung instruiert, die Unwahrheit verbreiten würden. Gleichzeitig werden aber allem Anschein nach gezielt Fake-Anzeigen geschaltet, in welchen angeblich ungeimpftes Klinikpersonal oder Pfle­ge­kräfte eine neue Stelle suchen. Da wird zum Beispiel in der StayAwake-Gruppe in Bamberg aufgerufen: „Wir fluten am Samtag den FT (gemeint ist die Tageszeitung Fränkischer Tag, A.d.V.) mit Stellenanzeigen!!!! Bisher sind es schon über 30, die aufgegeben wurden!!!! Macht mit!!!!“


Mehrere Journalisten haben sich diese Anzeigen genauer angesehen: Die Kon­takt­da­ten liefen ins Leere oder die Personen hinter den auffällig gleichlautenden An­zei­gen waren allesamt nicht erreichbar. Oder eine Person hatte gleich mehrere verschiedene Anzeigen geschaltet. Das Er­gebnis der Recherche: Es handelt sich vermutlich um eine konzertierte Aktion, um die Bevölkerung zusätzlich zu verunsichern und die Vorbehalte gegenüber einer möglichen Impfpflicht anzuheizen. Wo gehobelt wird, fallen Späne?


Bleibt am Ende noch die Meinungsfreiheit. Diese sei schließlich ein hohes Gut, und diese gelte es zu verteidigen. Damit rechtfertigen viele „Querdenker:innen“ ihr Tun – angesichts der vermeint­lichen „Corona-Diktatur“ in welcher man seine Meinung ja nicht mehr sagen dürfe. Aber in ihren Telegram-Kanälen scheint dann doch nicht jede:r willkommen zu sein. Da heißt es dann z.B. „[xy] wurde gesperrt/verbannt. Grund: Rot- Grüne Hetze“. Im selben Kanal sind aber NPD-Funktionäre und Angehörige anderer rechter Gruppierungen legitim. Ein Austausch oder eine Diskussion ist gar nicht gewünscht. Wo gehobelt wird, fallen Späne?


Die genannten Darstellungen sind natürlich – rein quantitativ betrachtet – eine Häufung von Einzelfällen. Sie sollen auch nicht eine Verallgemeinerung aller „Spaziergänger:innen“ und ihrer Demonstrationen darstellen. (Zu diesen Demos habe ich mich an früherer Stelle schon geäußert.) Und doch sollte sich jede:r Mitspazierer:in bei sich vor Ort Gedanken machen, mit wem er/sie sich gemein macht.


Denn manches erinnert doch stark an Matthäus 7, 3: „Was siehst Du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“. Wenn einerseits „Freiheit“ gefordert wird, aber gleichzeitig die Pressefreiheit (und manchmal auch deren Vertreter:innen) im wahrsten Wortsinn mit Füßen getreten werden, dann passt das nicht zusammen. Wenn das friedliche Äußern eines Standpunktes nicht ohne Gewalttätigkeiten und Mordaufrufe abläuft, dann passt das nicht zusammen. Wenn man gegen eine angebliche Diktatur wettert und gleichzeitig jeden Diskurs unterbindet, dann passt das nicht zusammen. Dann spreißelt es an irgendeiner Stelle.


Dabei könnte es so einfach sein: Überlegen Sie einfach mal, ob Sie das, was Sie in manchen dieser Gruppen über andere lesen oder schreiben, auch beim Abendbrot Ihrem Partner, Ihrer Partnerin oder Ihrer Familie ins Gesicht sagen würden. Oder, ob Sie sich Ihren Liebsten gegenüber so benehmen würden, wie Sie sich oder manche der „Spaziergänger:innen“ vor, hinter oder neben Ihnen gegenüber der Polizei, Journalist:innen oder Menschen mit anderer Meinung. Sollten Sie dies verneinen, ist der entsprechende Social-Media-Kanal oder diese Demo nicht das Richtige für Sie.


Sollten Sie jedoch beides bejahen, sollten Sie sich fragen, ob es Ihnen wirklich nur um eine Kritik an der Corona-Politik geht, ob Sie wirklich nur Ihre Meinung kundtun wollen – oder ob nicht etwas ganz anderes dahintersteckt…

 

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