top of page

Die Fußball-WM in Katar – Sturm berechtigter Entrüstung oder eher Heuchelei?

Aktualisiert: 28. Nov. 2022


Nun schreibe ich also ernsthaft etwas zur Fußball-WM in Katar. Am Abend des „ersten Finales“ für die deutsche Mannschaft. Aber keine Angst, ich werde mich nicht über die fußballerischen Qualitäten der einzelnen Mannschaften oder über Aufstellungsfragen und taktische Überlegungen auslassen. Dafür gibt es, weiß Gott, berufenere Personen als mich.


Mich interessiert bei dieser, insgesamt etwas seltsam anmutenden, WM weniger der Fußball, sondern das Außenherum. Die Empörung. Die Skandalisierung. Die Vorwürfe. Der vermeint­liche oder tatsächliche Wi­der­stand. Mal gegen das Austragungsland wegen seiner Verstöße gegen die Menschenrechte. Mal gegen die FIFA, die scheinbar größenwahnsinnig und korrupt Maß und Mitte komplett aus den Augen verloren hat. Mal schweigend gegen die iranische Regierung. Und immer die Fragen: Abreise? Abbruch? Reicht das, reicht es nicht? Ist das eine angemessene Reaktion oder ist es zu viel oder zu wenig?


Ich beginne mit dem Letztgenannten. Die iranische Mannschaft hat sich bei ihrem ersten Spiel demonstrativ ge­wei­gert, die eigene Hymne mitzusingen. Viele Fans hielten Banner hoch: „Frauen, Leben, Freiheit“. Ein stummer Protest gegen das herrschende Regime. Zugleich ein mutiger Protest. Fahren diese Männer doch nach der WM wieder zurück in den Hoheits­bereich genau dieses Regimes, wo sie sich vermutlich dafür werden verantworten müs­sen. Die englische Mannschaft zeigte sich solidarisch und ging demonstrativ auf die Knie. „Taking the knee“ ist das Zeichen im Sport gegen Rassismus und Diskriminierung. So weit, so gut.


Dass die FIFA das Tragen der „One Love“-Binde untersagt und den entsprechenden europäischen Teams gar mit Konsequenzen gedroht hat, kann man diskutieren. Die FIFA hat ihr ihre Wettbewerbsregularien über die gute Absicht gestellt. Das kann man machen, hätte man aber wohl nicht müssen. Ob man deswegen die WM hätte boykottieren oder vorzeitig abreisen müssen, ist in meinen Augen jedoch eine übertriebene Debatte. Ja, auch ich halte die FIFA für reformbedürftig. Viele Entscheidungen für mehr als fragwürdig.


Der eigentliche Skandal fand jedoch in meinen Augen schon deutlich früher statt: Am 2. De­zem­ber 2010 – also vor zwölf Jahren – gab der damalige FIFA-Präsident Blatter bekannt, dass das Exekutivkomitee der FIFA sich für Katar als Austragungsort entschieden hat. In der vierten Abstimmungsrunde setzte sich Katar mit 14 zu acht Stimmen gegen die Vereinigten Staaten durch, nachdem zuvor Südkorea, Japan und Australien ausgeschieden waren.


Dass in Katar unwürdige Arbeitsbedingungen herrschen, dass Tausende Arbeiter ihr Leben bei den Bauarbeiten für die WM verloren haben, war schon frühzeitig bekannt. Reagiert hat in den Jahren danach jedoch niemand. Im November 2013 hat „Kaiser“ Franz Beckenbauer zwar Verständnis für Kritik an der WM-Vergabe ge­äußert. In Bezug auf die herrschenden Arbeits­be­dingungen meinte er jedoch: „Ich habe noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen. Ich weiß nicht, woher diese Berichte kommen.“ Damals hätte man Druck aufbauen können, ver­mut­­lich auch müssen – um das Schlimmste vielleicht noch verhindern zu können. Man hat es unterlassen. Die Ausbeutung und das Sterben gingen weiter.


Erst wenige Tage vor Beginn den Boykott oder von verschiedenen Teams die Abreise zu for­dern, ist reine Schaufensterpolitik ohne jedweden Sinn und Zweck. Das hätte alles viel früher passieren müssen, wenn man es ernst gemeint hätte.


Gleichzeitig offenbaren die aktuellen Aufgebrachtheiten, dass wieder einmal mit zweierlei Maß gemessen wird. Nachdem, Schätzungen zufolge, sogar mehr als 15.000 Arbeiter ums Leben gekommen sind, werden nun Moral und Werte bemüht. Und das zu Recht! Wenn wir uns hingegen aus der Abhängigkeit vom russischen Gas befreien wollen, sind die Katarer uns als Lieferanten recht und billig. Dann sind Menschenrechte oder Arbeitsbedingungen plötzlich für die meisten Menschen eher ne­ben­­sächlich.


Fakt ist: In (zu) vielen Nationen sind Kinderarbeit, Ausbeutung und der Sklaverei ähnliche Ar­beits­bedingungen Normalität. Das wird nicht dadurch besser, dass es den Geknechteten in ihren Herkunftsländern ohne diese Ausbeutung in vielen Fällen noch schlechter ergehen würde. Nicht selten geschieht dies, um uns in den reichen Industrienationen billig mit Kon­sumgütern und Rohstoffen aller Art versorgen zu können. Die Folgen sind uns auch hier egal. Ein paar Beispiele aus der Bekleidungsindustrie: Am 24. November 2012 sind bei einem Brand in der Tazreen-Kleiderfabrik in einem Vorort von Bangladeschs Hauptstadt mindestens 117 Arbeiter ums Leben gekommen. Im selben Jahr starben bei einem Brand in einer Fabrik in Pakistan mehr als 250 Menschen. Nicht einmal ein Jahr später, am 24. April 2013 beim Einsturz einer Textilfabrik (ebenfalls in Bangladesch) sogar mehr als ein­tausend. Wir sahen die Bilder im Fernsehen. Schlimm. Zurück zur Tagesordnung.


2016 sind offiziellen Angaben zufolge mehr als 5.100 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Von 2014 bis 2021 haben hier fast 23.000 Menschen ihr Leben verloren – Dunkelziffer unbe­kannt. Wir sehen die Bilder im Fernsehen. Sind kurz betroffen. Zurück zur Tagesordnung. Irgendwie sind sie doch selbst schuld. Hat ihnen schließlich keiner geheißen, zu uns zu kom­men. So hört man es nicht nur hinter vorgehaltenen Händen. Für größere Betroffenheit sorgte 2015 allein das Foto des toten dreijährigen Flüchtlingskindes Aylan Kurdi am Strand des tür­kischen Badeortes Bodrum.


Und heute? Da vegetieren Tausende Geflüchtete in unmenschlichen Zuständen unter an­de­rem in griechi­schen Lagern. Im Dezember 2020 berichtete Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) von seinen Eindrücken aus einem Lager auf Lesbos: „Das neue Lager Kara Tepe ist offensichtlich nicht besser – im Gegenteil: Ärzte ohne Grenzen mussten jetzt eine Tetanus-Impfaktion starten, weil Babys in nassen Zelten von Ratten gebissen werden.“ Kinder, die von Ratten angefallen werden, in Europa. Wo bleibt hier die Entrüstung, die Empörung über diese unhaltbaren Zustände?


Das ist doch Whataboutism, mag man mir jetzt vorwerfen. Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Ja, es ist tatsächlich eine Form des „Aber was ist mit…?“. Ich halte den Vergleich dennoch für angebracht, da dahinter eine gewisse Systematik steht. Bei der Frage, unter wel­chen Arbeits­be­dingungen die Fast-Fashion-Wegwerf-Kollektion für unsere Konsumtempel her­gestellt werden, geht es am Ende um unseren Geldbeutel. Fashion ja, aber Geiz ist ja bekanntlich geil. Gleichzeitig müssen (!) zu viele auf den Preis schauen, da sie sonst nicht über die Runden kommen. Bei der Frage der Energieversorgung geht es auch um unser Porte­monnaie. Da interessieren uns Arbeitsbedingungen und Menschenrechte nur am Rande. Und selbst bei den Flüchtlingen geht es um unser Geld. Sollten sie es bis zu uns schaffen, müssen wir uns kümmern. Dann haben sie Anspruch auf staatliche Transferleistungen. Aber was ist mit unseren Obdachlosen, was ist mit unseren Rentnern in Altersarmut – fragen dann viele, die sich sonst für die Bedürfnisse und Probleme dieser Gruppen allzu oft auch nicht wirklich interessieren.


Nun aber die WM. Diesmal ist es nicht unser Geld. Diesmal erheben wir moralische Ansprüche gegenüber den Profi-Fußballern. Den trippelnden Millionären auf dem grünen Fußballrasen. Hier erwarten wir den Verzicht auf Ruhm und Ehre (sofern man im Turnier weit genug kom­men sollte) – und auf etwaige Prämien. Wenn wir uns aber nur noch entrüsten, wenn es um das Verhalten anderer geht, wenn wir uns ansonsten selbst an zu vielen Stellen aus der Verantwortung nehmen, dann bleibt ein fahler Beigeschmack. Dann trübt ein gerüttelt Maß an Heuchelei die an sich berechtigte Empörung und die sachlich zutreffende Kritik.


 


181 Ansichten2 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen